Toilette

Heutzutage ist eine Toilette im Haus selbstverständlich. Mehrmals täglich besuchen wir unser Badezimmer, um uns zu erleichtern, zu duschen oder gemütlich zu baden. Doch haben sich die Vorstellungen davon gewandelt, was Sauberkeit bedeutet und wie man sie komfortabel erlangt.

1780 – 1830

Wäsche statt
Waschen

Hygienevorstellungen um 1800

Eine Toilette wie wir sie kennen gab es um 1800 nicht: Für Landhausbewohner:innen war die Toilette noch ein Tisch, auf dem alles stand, was eine Frau zum Schönmachen brauchte. Bei voller Blase nutzten sie dagegen Nachttopf oder -stuhl, den die Dienstboten in den Abort neben dem Haus entleerten. Eine überquellende Abortgrube galt es zu vermeiden, so veranlasste die Herrschaft rund einmal im Jahr eine Leerung. Menschen badeten deutlich seltener als wir heute, da sie eine andere Taktik verfolgten, um reinlich zu wirken: Wer es sich leisten konnte, wechselte häufig die Leibwäsche; denn die weiße Wäsche ließ die Menschen sauber erscheinen. Die Herrschaften benötigten dafür eine große Menge Kleidung, weil die Hausherrin nur selten die „große Wäsche“ anordnete: Ein- bis zweimal im Jahr herrschte der Ausnahmezustand, denn die mühselige „große Wäsche“ zog sich über mehrere Tage. Dazu stellte die Hausherrin meist extra Dienstboten ein, die das langwierige Waschen, Trocknen und Plätten übernahmen. Doch wuschen die Dienstboten nur die Wäsche der Herrschaft – für die eigene Kleidung bezahlten sie eine Wäscherin im Ort.

Reicher Adel: Freiherr Siegfried Ehrenreith v. Bernerdin, besaß im Jahre 1783 laut seinem Nachlass 94 Oberhemden.
Im Heiratsinventar von Tagelöhner Johann Georg Autentrieth befanden sich 1799 rund 17 Hemden.

Reicher Adel: Freiherr Siegfried Ehrenreith v. Bernerdin, besaß im Jahre 1783 laut seinem Nachlass 94 Oberhemden.

Im Heiratsinventar von Tagelöhner Johann Georg Autentrieth befanden sich 1799 rund 17 Hemden.

1880 – 1930

Rohre statt
Rennen

Neuer Komfort durch neue Badezimmer

Wenn das Wäschewaschen auch weiterhin aufwendig blieb, erhielt um 1900 etwas mehr Komfort Einzug in die Landhäuser. Die Toilette wandelte sich von einem Tisch zu einem Raum und die Spültoilette verdrängte nach und nach den Nachtstuhl. Somit rannte kein Dienstbote mehr mit Nachttopf zum Abort, jedoch musste ein neuer Ort für die Toilette gefunden werden und das warf für die Herrschaften kostspielige Fragen auf: Wo ließ sich dieses neue Badezimmer nachträglich einbauen? Woher kommt das fließende Wasser? Wohin mit dem Abwasser? Aus leeren Schlafzimmern oder überzähligen Abstellkammern entstanden somit erste zweckmäßig eingerichtete Badezimmer und Handwerker verlegten teure Rohre durch die alten Mauern. Solche Pläne hatten auch Hermine und Kuno von Thannhausen als sie 1926 ihr Landhaus mit neuem Komfort ausstatteten und eine Zentralheizung sowie Wasserleitungen einbauen ließen.

Diese Vorher/Nachher-Baupläne zeigen die großen Änderungen am Landhaus der Familie von Thannhausen um 1926. Finden Sie die neuen Toiletten und Badezimmer? (Quelle: Staatsarchiv Ludwigsburg, PL 16 Bü 201 und Bü 202)

1945 – 1990

Kanalisation
statt Weiher

Anschluss an die Gemeindekanalisation

Ab 1926 wärmte zwar eine Zentralheizung Haus Thannhausen, doch selbstverständlich war ein beheiztes Badezimmer nicht – nicht jede Herrschaft konnte sich den teuren Umbau leisten. Der winterliche Badespaß blieb daher lange so ungemütlich wie für die Besitzer:innen des rheinischen Haus Kendenich: Sie kamen erst 1963 in den Genuss einer Zentralheizung und lösten im Zuge des Umbaus auch ein völlig anderes Problem: Wohin mit Abwasser und Ausscheidungen? Über Jahrhunderte landeten Kot und Urin im Weiher der Burg, vor dem Einbau der Toilette durch einen ‚Donnerbalken‘ – ein einfacher Holzsitz über einem Schacht zum Weiher. Der Einbau einer Spültoilette änderte jedoch nichts daran, dass die Ausscheidungen wie zuvor in Weiher rutschten. Dies löste sich erst mit dem aufwendigen Umbau 1963, denn Bauarbeiter schlossen das Haus an ein Kanalsystem an: Die nahe Gemeinde verfügte bereits über eine Kanalisation, die jedoch lange nicht bis zum Haus Kendenich reichte – eine Herausforderung für viele abseitige Landhäuser.

Perspektiven

Hausherrin

1800

Verwalter

1900

Bürgermeister

1970

Ach, wie das glänzt und wie gut das riecht!

Adelgunde von Uselstein, Hausherrin

Immer wenn ich an meinem Toilettentisch sitze, muss ich an meinen lieben Mann denken. Er hat mir als junger Braut mit diesen wunderbaren Silbersachen eine solche Freude gemacht! Aber für den Inhalt sorge ich lieber selbst – nächste Woche muss ich wieder Pomade und Duftwasser beim Hofparfümeur bestellen. Ich liebe diese guten Gerüche!

Immer nur Ärger mit den Handwerkern!

Joseph Behring, Verwalter

Die halbe Wand hat der Klempner gestern rausgeschlagen, um die Wasserrohre im Schloss zu verlegen. Der Herr Graf wird ihn jetzt aber verklagen, weil er dabei die nagelneue Stromleitung durchgehauen hat. Ich weiß aber ehrlich gesagt auch nicht, wie viel neue Technik man noch in diese uralten Gemäuer stopfen kann.

Wer kauft das Landhaus?

Manfred Schulz, Bürgermeister

In den letzten Wochen tigern hier so viele Immobilienhaie herum, sie wollen alle dem Grafen von Klagenfeld das Landhaus abkaufen. Der ist mit seiner Frau schon längst da ausgezogen – es gibt in dem alten Kasten noch immer keine Zentralheizung, das muss man sich mal vorstellen! Da muss viel Geld reingesteckt werden, ob das den Immobilienmaklern so klar ist? Naja, ein paar von denen werden bestimmt demnächst auf mich zukommen – ohne einen Beschluss im Gemeinderat können die ihr schickes Luxushotel vergessen.  Eigentlich schade, dass die Gemeinde kein Geld dafür hat, das Haus selbst zu kaufen.

Fazit

Komfort
kostet!

Alle Menschen im Landhaus wollten gepflegt erscheinen und dieses Ziel möglichst komfortabel erreichen: Sei es mit einer großen Menge frischer, weißer Wäsche oder mit fließend Wasser im neu eingebauten Badezimmer. Doch nicht alle konnten sich den neusten Komfort leisten – die Toilette zeigte die sozialen Unterschiede.

Was ist Ihnen wichtiger? So haben die Besucher:innen abgestimmt:

Zentralheizung

Fliessendes Wasser

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